TANJA BRAUN


Mich fasziniert die Wüste.

Nicht nur ihre Weite, das Licht, die Dünen oder der Wind. Mich zieht eine Landschaft an, in der Geschichten seit Jahrhunderten weitergetragen werden.

Wenn ich durch die Wüste gehe, habe ich oft das Gefühl, in einen Raum einzutreten, der lange vor uns existierte und noch lange nach uns bestehen wird. Überall finden sich Spuren. In Felsen, im Sand oder auf alten Wegen. Manche bleiben über Jahrtausende erhalten, andere werden vom nächsten Wind wieder verweht.

Diese Landschaft erinnert mich daran, dass auch wir Spuren hinterlassen. Manche sind nur für einen kurzen Moment sichtbar. Andere begleiten Menschen weit über unsere eigene Zeit hinaus.

Je länger ich unterwegs bin, desto stärker interessieren mich die Menschen, die in diesen Landschaften leben. Ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und die Art, wie sie sich an ihre Umwelt angepasst haben.

Deshalb kehre ich immer wieder in die Wüste zurück.

Nicht, um sie zu bezwingen, sondern um von ihr zu lernen.

Warum ich laufe


Ich reise nicht nur durch die Wüste. Ich bewege mich bewusst an ihre Grenzen und an meine eigenen.

Die körperliche Herausforderung ist für mich kein Selbstzweck. Sie verändert meine Wahrnehmung. Wenn Wasser knapp wird, jeder Schritt Kraft kostet und Verzicht zum Alltag gehört, verlieren viele Selbstverständlichkeiten ihre Bedeutung.

Natürlich werde ich dadurch nie erfahren, wie es ist, dauerhaft unter diesen Bedingungen zu leben. Aber ich kann mich dieser Lebenswirklichkeit ein Stück weit annähern. Ich lerne, Wasser anders zu schätzen, Entscheidungen bewusster zu treffen und die einfachen Dinge neu wahrzunehmen.

Deshalb verbinde ich meine Expeditionen mit außergewöhnlichen sportlichen Herausforderungen. Nicht um möglichst viele Kilometer zu schaffen, sondern weil Grenzerfahrungen den Raum öffnen, in dem Verständnis wachsen kann.

Menschen verstehen


Die Wüste ist kein leerer Raum. Sie ist ein Lebensraum.

Seit Jahrhunderten leben Menschen unter Bedingungen, die ihren Alltag, ihre Kultur und ihre Entscheidungen prägen.

Wasser ist kostbar.

Entfernungen sind groß.

Gemeinschaft ist oft selbstverständlich.

Mich interessieren diese Menschen. Ich stelle Fragen, höre zu und lasse mir Zeit. Denn Verständnis entsteht nicht in einem Gespräch. Es wächst über Begegnungen, gemeinsames Unterwegssein und die Bereitschaft, die Welt für einen Moment mit den Augen des anderen zu betrachten.

Die Antworten, die ich suche, entstehen selten sofort. Oft verändern Begegnungen nicht nur meine Sicht auf die Welt, sondern auch die Fragen, mit denen ich gekommen bin.

Gastfreundschaft gehört für mich zu den größten Geschenken jeder Reise.

Immer wieder durfte ich erleben, wie Menschen ihr Weniges teilen und Fremde selbstverständlich willkommen heißen. Diese Erfahrungen erinnern mich daran, dass Menschlichkeit nicht vom Wohlstand abhängt, sondern von der Haltung, mit der wir einander begegnen.

Verstehen beginnt dort, wo wir bereit sind, länger zuzuhören als zu urteilen.

Ob in nomadischen Zelten, in kleinen Dörfern oder unterwegs in der Weite – überall werde ich eingeladen, teilzuhaben, zuzuhören und zu lernen.

Diese Begegnungen prägen meine Reisen mehr als jeder gelaufene Kilometer.

Sie erinnern mich daran, dass wir gemeinsam mehr verstehen können, wenn wir einander mit Offenheit begegnen.

Jede Geschichte erweitert meinen Blick. Jede Begegnung verändert ihn ein wenig.


Ein Moment, den ich nie vergessen habe.


Vor vielen Jahren war ich auf dem Weg zu einem Wüstenlauf in Tunesien. Unser Bus wurde auf dem Weg zur Oase Tozeur plötzlich von einer Straßenblockade aufgehalten. Erst später erklärte uns der Fahrer, dass Familien protestierten, weil ihnen nicht genügend Wasser für ihre Angehörigen und ihre Tiere zur Verfügung stand.

Dieser Moment hat mich tief bewegt.

Ich war auf dem Weg in die Wüste, um einen Lauf zu erleben – in dem Wissen, dass meine Versorgung gesichert sein würde. Gleichzeitig kämpften die Menschen, durch deren Heimat ich reiste, um etwas, das für sie überlebenswichtig war.

Seit diesem Tag begleitet mich eine Frage:

Wie kann ich meine Leidenschaft für das Laufen mit etwas verbinden, das über den Sport hinausgeht?

Diese Frage wuchs mit jeder weiteren Expedition. Aus ihr entstand über viele Jahre das Global Desert Race. Ein langfristiges Expeditionsprojekt, das meine Begeisterung für die Wüste mit den Themen verbindet, die mich bis heute bewegen: Wasser, Klimawandel, kulturelle Vielfalt und das Leben in den Trockengebieten unserer Erde.

Tunesien, auf dem Weg zur Oase Tozeur.
Diese Fotos entstanden während einer Straßenblockade. Erst später erfuhr ich, dass Familien gegen Wassermangel protestierten. Für mich wurde dieser Moment zum Ausgangspunkt des Global Desert Race.

Manchmal verändert nicht eine Antwort unser Leben – sondern eine einzige Frage.

Woran ich heute arbeite

Mit dem Global Desert Race verbinde ich Expeditionen, Ausdauer und Dokumentation. Aber nicht, , weil ich möglichst viele Wüsten durchqueren möchte, sondern weil ich überzeugt bin, dass Erfahrungen Menschen miteinander verbinden können.

Ich möchte Geschichten sammeln, Wissen weitergeben und Räume schaffen, in denen neue Perspektiven entstehen. Denn Verständnis ist für mich der erste Schritt zu Verantwortung – füreinander und für die Welt, in der wir leben.

Die Wüste hat meinen Blick auf vieles verändert. Heute ist es mein Wunsch, diese Erfahrungen weiterzugeben und andere einzuladen, die Welt mit neuen Augen zu betrachten.


Ich glaube daran, dass Verständnis Verantwortung wachsen lässt.

Die Wüste hat mir viele Fragen geschenkt.


Auf der Suche nach Antworten hat sich mein Weg verändert.
Diese Reise geht weiter.